21.12.25 - Sao Paulo - Großstadt der Gegensätze

Ich wollte gestern noch bisschen lesen, habe aber nach fünf Minuten kapituliert. Um 9 war der Kindle aus und ich habe geschlafen. Überragend gut, da habe ich den Jetlag wohl mal wieder verarscht! Ich bin zwar oft aufgewacht, aber letztendlich auch bis halb 7 immer wieder eingeschlafen. Das Bett war ziemlich hart, was mir ja taugt, aber auch ziemlich wacklig. Zum Glück hat der Typ über mir aber bis 4 Uhr früh auf der Couch Netflix gekuckt, somit hat es nicht so lange gewartet.


Im Gegenzug bin ich dann früh auf die Couch verschwunden und dort auch bis fast 9 geblieben. Dann hab ich meine Sachen gepackt und geparkt und mir gegen dreiviertel 10 ein Uber gerufen. Denn ich war eingeladen zum Frühstück zu Clarissa, meiner Online-Portugiesisch-Lehrerin. Die wohnt nicht weit entfernt in der Vorstadt Guarulhos (weswegen der Flughafen hier das Kürzel GRU hat). Dort geht es minimal ruhiger zu. Clarissa wohnt mit ihrer Familie (Daniele und Töchterchen Manuela sowie zwei dicken Katzen) in einer Appartmentanlage im 6. Stock mit guter Aussicht. Nach inzwischen vier Jahren Online-Unterricht konnten wir uns nun endlich mal persönlich kennenlernen. Witzigerweise auch genau zur gleichen Uhrzeit, 10 Uhr morgens hier ist meine 14- bzw. 15-Uhr-Stunde (Winter/Sommerzeit) in Deutschland immer…


Manuela erkannte sofort meine grandiose Übung mit sechs Neffen und Nichten und wollte schnell auf meinen Arm, was sie sonst wohl kaum mit Fremden macht… Wir frühstückten und unterhielten uns wirklich gut – etwas, was wir eh sehr oft machen, da mein Unterricht zu einem Großteil aus Sprechen besteht. Und so vergingen gut zwei Stunden wie im Fluge.

Da die drei dann zur Oma fahren wollten, nahmen sie mich ein Stück mit uns setzten mich am Stadtrand von SP vor einer Metrostation ab. Dort gibt es praktischerweise einzelne Schranken, an denen man einfach eine Kreditkarte auflegen kann und kein separates Ticket braucht. Mit einmal Umsteigen fuhr ich bis zum Parque Augusta. Der ist recht klein, aber ein schöner Ruhepol in der quirligen Großstadt. Und zeigte mir wieder, warum ich Brasilien so mag. Hier macht jeder, was er will. Man kann anziehen, was man will, und gern auch halbnackt mitten im Park sitzen oder liegen. Und das machen ziemlich viele.


Mich zog es aber schnell weiter, denn gleich ums Eck hatte ich mein eigentliches Ziel gefunden: Açaí Club! Für nicht mal 4€ gab es eine 500ml Schale mit Obst, Granola und Honig obendrauf. Und was für eine Qualität, da kommt kein Açaí irgendwo in Europa ran, alles gestreckter Mist… Ich war auf jeden Fall im Paradies und überlegte, ob ich vielleicht zwei Wochen nichts anderes essen könnte…



Gestärkt und glücklich lief ich weiter zur größten und wichtigsten Straße hier, der Avenida Paulista. Früher war es eine Prachtstraße mit wunderschönen Häusern, heute ist es das Geschäfts- und Einkaufszentrum der Stadt auf fast 3km Länge. Und sonntags bis 16 Uhr ganz besonders, denn für den Verkehr gesperrt.

Ich hatte ein gutes Timing, denn um drei begann hier eine Free Walking Tour, ich war eine Viertelstunde vorher da. Die Tour gab es in Portugiesisch und Englisch, ich entschied mich (natürlich) für ersteres und war damit die einzige Ausländerin unter sieben Brasilianern, alle eher aus dem Süden. Ich wurde belohnt mit einem wunderbar verständlichen Portugiesisch einer sehr netten Paulista, deren Namen ich leider vergessen habe…

Sie führte uns in den nächsten zweieinhalb Stunden über und neben der Avenida entlang, zeigte und die verbliebenen fünf (oder so) alten Gebäude sowie die vielen neuen Hochhäuser und Bilder von dem, was hier früher war.

Geblieben sind auch noch ein paar Parks mit riesigen alten Bäumen, in denen es gleich viel ruhiger ist. Nicht nur so gesehen ist SP eine Stadt der Gegensätze. 

Mit 21 Mio. Einwohnern im Großraum hat es die weltweit größte Dichte an Helikopter-Landeplätzen – entlang der Avenida gibt es einige auf den Dächern. Auf der anderen Seite stehen die etwa 90000 Obdachlosen, die hier quasi überall auf der Straße liegen oder in Grünanlagen campieren. Schon ziemlich krass, aber leider echt Teil des Stadtbildes.

Am berühmten Kunstmuseum, das komplett von vier roten Säulen getragen wird, kamen wir leider nicht direkt vorbei, deshalb nur aus der Ferne.

Gegen halb sechs kamen wir am anderen Ende der Avenida an, wo die Tour endete.

Inzwischen hatte ich doch Hunger auf etwas richtiges. Ich wurde schnell fündig in der Fressmeile in einem großen Einkaufszentrum, dort gab es die verschiedensten Selbstbedienungsrestaurants. Ich entschied mich für ein völlig unbekanntes mit Fisch und Camaroes (Garnelen) und dort für ein Menü mit kleiner Vorspeise und Pasta mit Sahnesoße und kleinen Garnelen drin. Für gerade mal 6€ inklusive Getränk war es lecker und ich wurde satt.

Danach lief ich Richtung Metro, hatte allerdings ein etwas schlechtes Timing, denn wenige hundert Meter vorm Ziel begann es von jetzt auf gleich wie Sau zu regnen. Ich war sehr froh, dass ich mich für die Flipflops entschieden hatte, somit sind meine Turnschuhe für die Weiterfahrt später schön trocken. Ich kam rennend und leicht durchnässt in der Metro an, der Rock trocknet zum Glück aber auch superschnell (mit dem bin ich auf Studienfahrt in Barcelona auch im strömenden Regen zur Metro gerannt… Gibt es da einen Zusammenhang?!?

Oh – gerade muss irgendwo ein Tor gefallen sein, von allen Seiten schreit es und irgendwo geht ein Feuerwerk hoch…

Nach etwas Suchen und Nachfragen fand ich auch hier den Zugang mit der Kreditkarte und fuhr ein gutes Stück in Richtung Hostel. Das letzte Stück nahm ich dann aber ein Uber, ich hatte keine Lust mehr, 20 Minuten zu laufen und es wurde auch langsam finster. Um 7 war ich zurück. Ich sprang schnell in die Dusche – hier herrscht momentan Wassermangel und man soll sowieso sparen – und packte meine Sachen.

Oh, nun kracht es auch von der anderen Seite und das Geschrei wird immer lauter. Vielleicht Spielende??? Ah, bin nun schlauer, es war die Rückrunde des Finales vom Copa do Brasil, Corinthians aus Sao Paulo hat gerade in Rio gewonnen, hier rastet man aus 😉

Ok, weiter im Text. Inzwischen ist es acht und ich sitze sauber auf der Hostel-Couch und schreibe Blog. Langsam werde ich auch müde. Ein bisschen muss ich noch durchhalten, aber nicht mehr lange. Dann fahre ich zum riesigen Busbahnhof, nicht weit entfernt. Um zehn geht dann mein Nachtbus nach Sao Joao del Rei, wo ich morgen früh hoffentlich etwas erholt ankomme. Und falls nicht, das nächste Hostel hat einen Pool…

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